Das Pferd und das fehlende Schlüsselbein

Das Schlüsselbein gehört beim Menschen zum Körperbau ganz selbstverständlich dazu. Es ist - vereinfacht gesagt - die einzige knöcherne Verbindung zwischen Arm und Rumpf. Beim Pferd ist das anders. Es besitzt kein Schlüsselbein.

Beim Pferd fehlt eine solche knöcherne Verbindung vollständig. Angesichts der Tatsache, dass die Vorhand etwa 60 % des Körpergewichts trägt, erscheint dies zunächst widersprüchlich. Tatsächlich handelt es sich jedoch nicht um einen Konstruktionsfehler im Pferdeskelett, sondern um eine funktionell hoch spezialisierte Form der Strukturverbindung.

Die Vordergliedmaße des Pferdes sind stattdessen über die stark sehnig durchsetzte Schultergürtelmuskulatur mit dem Rumpf verbunden.  Diese Verbindung wird als Synsarcose (lat. Syn = gemeinsam + sarcos = Fleisch) bezeichnet. Die Strukturen des Schultergürtels bilden ein elastisches System, das in Gliedmaßenträger und Rumpfträger unterschieden wird. Sie übernehmen sowohl tragende, stabilisierende als auch stoßdämpfende Funktionen.

Die Rumpfträger bilden eine Art Aufhängesystem, das den Rumpf in dynamischer Weise trägt und Bewegungen federnd abfangen und durchlassen kann. Wie eine Hängematte also hängt der Rumpf frei federnd zwischen den Schulterblättern. 

Die Gliedmaßenträger tragen - wie der Name bereit sagt - die Gliedmaßen und dienen der Fortbewegung. Sie dienen sowohl dem Vorführen der Gliedmaße, als auch dem Abspreizen dieser. Gliedmaßenträger können zum Teil auch - bedingt durch ihre Lage - an der Bewegung des Halses beteiligt sein und das Schulterblatt fixieren und stabilisieren. 

Gerade diese Konstruktion ist für das Pferd als Lauftier von erheblichem biomechanischem Vorteil. Im Unterschied zu einer starren knöchernen Verbindung ermöglicht die muskuläre Aufhängung eine flexible Kraftübertragung sowie eine effektive Dämpfung der bei der Fortbewegung entstehenden Bodenreaktionskräfte. Bei jedem Schritt wirken erhebliche Belastungen auf die Vorhand. Die elastische Einbindung des Schultergürtels erlaubt es, diese Kräfte aufzunehmen, zu verteilen und kontrolliert weiterzuleiten. Dadurch werden Strukturen wie Gelenke, Knochen und bandhafte Anteile entlastet, während zugleich ein ökonomischer und flüssiger Bewegungsablauf unterstützt wird.

Von zentraler Bedeutung ist dabei die freie Beweglichkeit des Schulterblattes auf dem Rumpf. Das Schulterblatt des Pferdes muss in der Lage sein, physiologisch zu gleiten, um ein adäquates Bewegungsausmaß der Vordergliedmaße zu ermöglichen. Eine Einschränkung der Gleitfähigkeit oder der muskulären Elastizität in diesem Bereich führt unweigerlich zu Veränderungen der gesamten Bewegungsmechanik der Vorhand. Die Folge sind kompensatorische Bewegungsmuster, veränderte Lastverteilung sowie eine gesteigerte Beanspruchung einzelner Strukturen.

Daraus ergibt sich die hohe klinische und therapeutische Relevanz, die Muskulatur im Bereich des Schultergürtels mobil und funktionell belastbar zu erhalten. Besonders bedeutsam ist dies auch aufgrund der dort verlaufenden neurovaskulären Strukturen. Im Bereich der Schulter liegt der Plexus brachialis, der die motorische und sensible Versorgung der Vordergliedmaße gewährleistet. Funktionelle Einschränkungen, erhöhte Spannung oder verminderte Gewebegleitfähigkeit im umliegenden Bereich können sich daher potenziell auf die nervale Versorgung und die funktionelle Nutzung der Vorhand auswirken.

Hinzu kommt die besondere Bedeutung des Übergangs von der Halswirbelsäule zur Brustwirbelsäule. Der cervikothorakale Übergang (CTÜ) stellt eine biomechanisch wie neurologisch ausgesprochen sensible Region dar. Hier trifft die hochmobile Halswirbelsäule auf die im Vergleich deutlich rigider organisierte Brustwirbelsäule und den thorakalen Eingang. Dieser Bereich ist deshalb von zentraler Bedeutung weil hier enorme Kräfte sowohl von der Halswirbelsäule als auch die Kraft des Schubs aus der Hinterhand wirken und verteilt werden.  Kommt es im Bereich des CTÜ oder den umgebenden Weichteilstrukturen zu Spannungszunahmen, Bewegungseinschränkungen oder kompensatorischen Mustern, kann dies weitreichende funktionelle Störungen nach sich ziehen. 

Klinisch können sich Einschränkungen im Bereich des Schultergürtels nicht nur lokal, sondern auch in Form von Problemen der Vorhandmechanik, verminderter Schrittlänge, Taktunreinheiten, Ausweichbewegungen oder Leistungseinbußen zeigen.

Umso wichtiger ist es, die Beweglichkeit, Elastizität und Koordinationsfähigkeit dieses Bereichs zu erhalten, da nur ein frei funktionierender Schultergürtel die physiologische Mechanik der Vorhand und damit die Gesamtbewegung des Pferdes optimal unterstützen kann.

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